Persönliche Erfahrung im Seelengrund

Was meint hier Seelengrund?

Das Wort wurde von dem mittelalterlichen Intellektuellen "Meister Eckhart" geprägt. Er sah darin den Ort oder eher einen Zustand, in dem man Gott begegnen und mit ihm Eins werden könne.1 (Einen guten Einstieg findet man sicherlich auf Wikipedia.) Ich habe immer wieder Erlebnisse, die stark Eckharts Seelengrund entsprechen. Aber so weit wie Eckhart kann ich nicht gehen. Im Moment der direkten Erfahrung fühlen sich die Zustände tatsächlich wie eine Einsicht in den letzten Weltgrund an. Dieses unmittelbare Gefühl hat etwas Packendes. Es dauert aber nie länger als einige wenige Sekunden. Und nach dem "Aufwachen" erscheint es wie ein Spuk, der sich rational kaum fassen lässt. Diese kurzen spukhaften Zustände eingebildetet oder tatsächlicher Einblicke in tiefste Wahrheiten nenne ich hier meinen Seelengrund.

Sollte man so etwas ernst nehmen?

Ich habe keine Ahnung ob man das sollte. Außerhalb des Zustandes, im Alltagsmodus sozusagen, kann ich mir gut vorstellen, dass alles nur eine chemische Zufallsgaukelei des Gehirns ist, vielleicht auch eine psychologische Schutzfunktion gegen den ein oder anderen Alltagsärger. Die Intensität des Sinnempfindens ist aber so stark, dass ich gerne Zeit in den Versuch stecken möchte, das Erlebnis in meinem Seelengrund zumindest spielerisch ernst zu nehmen. Das wird hier auf diesen Seiten passieren.

Wie ich in den Seelengrund gelange

Eigentlich habe ich keine zuverlässige Methode, um in den Seelengrundes zu gelangen. Er kommt plötzlich über mich und ist meistens nach wenigen Sekunden wieder verflogen. Es gibt aber eine ganze Reihe von förderlichen Umständen:2

Was erfahre ich im Seelengrund?

Nicht wirklich Sicheres. Es ist ein unmittelbares Gefühl, oft verbunden mit körperlichen Anzeichen starker Emotionalität. Manchmal gibt es einen Kloß im Hals, ein anderes Mal wäßrige Augen, sehr oft auch ein flaues Gefühl und wackeligen Knie. Alles ist so schwach ausgeprägt, dass kein Anwesender etwas merkt. Gar nicht schwach ausgeprägt ist aber die Umklammerung durch ein alles ergreifendes Sinngefühl. Könnte dieses Gefühl sprechen würde es vielleicht folgende Sätze sagen: Soweit ließe sich das vielleicht mit Gottes- oder kosmischen Sinnerfahrungen anderer Leute gut decken. In dem Gefühl schwingt aber eine zweite ebenfalls sehr starke Komponente mit: Das verbindende Element zwischen diesen beiden scheinbaren Widersprüchen ist der Gedanke, dass der Versuch sein muss: Nicht geschossen ist auf jeden Fall vorbei ist ein passender Spruch. Wen nich das Gefühl im Seelengrund ernst nehme, dann bin ich Teil eines unfassbar wichtigen Versuchen und alles was ich tue hat höchste Wichtigkeit. Aber nirgends schwingt eine Gewissheit mit, dass am Ende alle gut wird. Insofern unterscheidet sich mein Seelengrund doch sehr von dem eines Meister Eckharts oder religiöser Offenbarungen überhaupt. Und noch etwas wirkt verstörend.

Im Seelengrund erfahre ich keinerlei Hinweis, worum es letzten Endes überhaupt gehen soll. In den wenigen Sekunden des Gefühles kriege ich nicht mitgeteilt, ob wir alle friedfertig oder kriegerisch sein sollen, ob wir einem Gott gefallen sollen oder selbst etwas in die Welt stellen sollen. Auch Alltagstipps, etwa zur Berufswahl oder hilfreiche Wegweiser in Lebenskrisen gibt es nicht. Es bleibt bei dem oben beschriebenen Sinngefühl, dass alles was ich tue schon irgendwie gut und wichtig ist. Aber woran ich Wichtig und Unwichtig oder Gut und Böse unterscheiden soll, dazu schweigt der Seelengrund.3

Gut und Böse sind in ihm ohnehin überhaupt nicht angelegt.

Fußnoten

1 Es ist immer am besten, auf die eigenen Worte der Gedankenurheber zurückzugehen. Eckharts eigene Darstellung kann man schon in dem Heftchen "Über das Wunder der Seele" nachlesen. Es ist unter anderem über den Reclam-Verlag erhältlich.

2 Viel kann ich aus Aldous Huxleys Klassiker "Die Pforten der Wahrnehmen" bestätigen. Wie man in den Zustand gelangt und das Gefühl einer sonderbaren Andersweltlichkeit sind in dem Buch eindrucksvoll beschrieben.

3 Dieses Grundgefühl eines tief empfundenen aber rational nicht greifbaren Sinnes hat der geniale englische Autor Olaf Stapledon in seinem Klassiker "Der Sternenschöfper", geschrieben um 1930, ausgedrückt. In der christlichen Theologie findet dieses Paradoxon vielleicht seinen Begriff im "deus absconditus".